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Rezension – „Auf die Hand“

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Ich gebe zu – ich bin ein großer Freund gehobener Gastronomie und edlen Gerichten. Damit meine ich jetzt keineswegs das Anrichten mit übermäßig viel Chichi, wie es sich in den letzten Jahren eingebürgert hat (mein Beilagensalat muss nicht wie ein Märchenwald angerichtet sein), sondern die Verwendung hochwertiger und zum Teil sehr teurer Produkte. Aber sind wir mal ehrlich – wer kann und wer will sich schon jeden Tag Sterne-Küche leisten? Auch, wenn die mediale Kochlandschaft zunehmend durch Küchenchefs bestimmt wird, die vor allem der gehobenen Gastronomie zuzurechnen sind (Johann Lafer, Alexander Herrmann, Tim Raue, Christian Jürgens, etc.), so essen die allermeisten von uns doch eher bodenständig. Zumal das aufwendige Kochen unter der Woche fast unmöglich scheint, wenn man einem geregelten Beruf nachgeht.

Vielleicht auch deswegen hat ein Buch meine Aufmerksamkeit geweckt, das Olga vor einiger Zeit bei einem Wettbewerb auf German Food Blogs gewonnen hatte. Auf die Hand von Stevan Paul und Daniela Haug (Fotos) zeigt echte Köche und echtes Essen. Präsentiert wird vor allem Street- und Soulfood in verschiedensten Variationen. Burger, Toasts und Sandwiches in klassischer Form und modernen Abwandlungen finden sich darin ebenso wie Currywurst, Mettbrötchen, Tacos und Köfte-Ekmek (Hackfleisch-Taler).

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Um es vorwegzunehmen: Ich liebe dieses Buch. Es ist für mich der zeitgenössische, moderne Gegenentwurf zu jenen Kochbüchern, die sich ganz auf die Herstellung von Speisen konzentrieren und Alles andere vergessen. Auf die Hand hingegen präsentiert Speisen, Köche, Restaurants und Geschichten gleichermaßen. Das Buch hat ein zutiefst urbanes Element, welches sich wie ein roter Faden durch die 272 Seiten zieht und durch seine Omnipräsenz Auf die Hand schon fast zum kleinen Gesamtkunstwerk macht. Wie die großen Metropolen, in denen sich die Restaurants finden, die das Buch in liebevollen Texten und gigantischen Bildern vorstellt, so ist auch die Küche international und multi-kulti. Die bombastischen Bilder sind keine glattgebügelten, perfekt ausgeleuchteten Fotos von Gerichten, sondern Schnappschüsse von Köchen, Speisen, Getränken, Produkten sowie Restaurants und weisen allesamt eine starke Körnung auf. Sie wirken eher wie Street- nicht Food-Photography und unterstreichen dadurch den großstädtischen Charakter des Buchs .

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Der Inhalt lässt sich grob in drei unterschiedliche Segmente einteilen, die jedoch nicht nacheinander abgearbeitet werden, sondern wild gemischt, das Buch zu einer Kollage verschiedener Genres machen. Zum einen gibt es da natürlich Seiten, auf denen sich Rezepte finden – denn im Kern ist auch Auf die Hand natürlich ein Kochbuch. Die Gerichte selbst sind eher einfacher Natur. Hot Dogs, Fish & Chips oder Handkäs mit Musik dürften auch durch ungelernte Köche zu meistern sein. In übersichtlicher Art und Weise wird die Zubereitung der Speisen dargestellt. Hier ist das Buch ganz old-fashioned und das ist auch gut so. Neben einer Zutatenliste findet sich ein beschreibender Zubereitungstext, nebst ein paar Empfehlungen, was man so als Beilage reichen könnte. Der einzige Wermutstropfen ist vielleicht die vollkommene Abwesenheit der sogenannten Nährwertangaben – aber hey: Wir reden hier von Soulfood. Abnehmanleitungen sehen anders aus…

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Zum Zweiten gibt es Abschnitte, die kleine Geschichten erzählen, beispielsweise über die Herkunft des Hot Dogs, die Leibköchin Elvis Presleys oder über Clemens Wilmenrod, einen der ersten deutschen Fernsehköche überhaupt. In der Regel beschränkt man sich dabei auf eine Seite, so daß niemals der Eindruck entsteht, der Fokus des Buches liege nicht auf den Speisen bzw. deren Herstellung.

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Last but not least stellt das Buch aber auch Restaurants und deren gastronomische und kulinarische Konzepte vor. Dies wirkt zu keiner Zeit wie Werbung, denn unaufdringlich wird zwar der Name des Restaurants genannt, Adresse oder gar Kontaktinformation bleiben aber unerwähnt. Stattdessen kommen Köche und Besitzer zu Wort, deren gastronomischer Hintergrund durch Stevan Paul kurz und knapp, aber dennoch auf den Punkt, geschildert wird.
Durch diesen Mix wird Auf die Hand nie langweilig, egal ob man nun gerade in der Küche steht und etwas kocht oder auf dem Sofa liegt und sich in die Streetfood-Küchen Berlins oder Hamburgs entführen lässt.

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Auf die Hand kostet um die 35 Euro (20 Euro in der digitalen Version) und ist jeden Cent davon wert.

Gut:

  • Kommt ohne das Wort „vegan“ im Titel aus, obwohl der derzeit absatzfördernde Effekt inzwischen nachgewiesen wurde.
  • Keine Bilder von Attila Hildmann, die ihn zeigen, wie er gerade einen Spagat ausführt oder sein T-Shirt anhebt, um sein Six-Pack vorzuführen.
  • Keine Rezepte von TV-Nomaden, die im Zuge der hemmungslosen Selbstvermarktung irgendein schnell zusammenklaubautertes Gericht beigesteuert haben, welches man in ganz ähnlicher Form schon in den 20 Büchern findet, die sie zuvor veröffentlicht haben.
  • Echte Köche.
  • Echtes Essen.
  • Geile Bilder.
  • Schöne Geschichten.

Schlecht:

  • Ein wenig arg Berlin-lastig. Auch sonstwo in der Welt gibt es vermutlich tolles Streetfood.
  • Keine Nährwertangaben.

Weitere Infos:

Stevan Paul ist selbst passionierter Blogger und berichtet auf NutriCulinary über so ziemlich Alles, was mit Essen und Gastronomie im weitesten Sinne zu tun hat.

6 Kommentare

  1. Schöne Rezension. Musste hier und da schmunzeln.

    Zum Buch wurde ja auch anderswo schon viel gesagt und ich habe es mir dann auch zu Weihnachten schenken lassen. Auch ich habe einen durchaus positiven Eindruck vom Buch, bin nur leider noch nicht dazu gekommen daraus zu kochen. Wird aber demnächst nachgeholt.

    Dank dem Artikel hab ich jetzt wieder richtig Lust etwas daraus zu probieren.

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    • Hallo Jens! Freut mich, dass es dir ein wenig gefallen hat. Wenn der Artikel bewirkt hat, dass du dir das Buch mal wieder vornimmst und etwas daraus kochen wirst, dann habe ich mein Soll ja fast schon übererfüllt!

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  2. Pingback: “Auf die Hand” – wie schmeckt das Buch?

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